Das Reisen führt uns zu uns zurück.  Albert Camus

 

Text erschienen in:  "die tageszeitung" (taz) am 29.04.2017

 

 

Uckermark Unterwegs auf dem „Märkischen Landweg". Eine Idylle,wenn da nur nicht die vielen Jäger wären

 

Vorsicht, es wird scharf geschossen!

 

Das kleine Café in Templin hat mehrere Gäste an diesem Nachmittag in der ersten Novemberwoche. Über die Kopfsteinpflasterstraßen draußen rumpelt eher selten ein Auto, die Bürgersteige sind sowieso wie ausgestorben. Man fühlt sich hier unter sich. Die beiden Wanderinnen mit den mittelgroßen Rucksäcken zählen nicht, sie sind nur Zugvögel auf der Durchreise. „Ich lebe nicht mit ihm zusammen. Er hat Familie und ich hab Familie, da passt das nicht“, klingt es unüberhörbar von einer älteren Frau an einem der Nachbartische herüber. Eine hübsche Dunkelhaarige springt herein, es geht um ihre „Hochzeitsnachfeier“.

"Was bringt man denn da mit?“, staunt die Inhaberin.Wanderer gehen die Unterhaltungen der Einheimischen natürlich nichts an. Aber nach vielen Kilometern, ohne einer Menschenseele zu begegnen, nur vom Rätschen der Eichelhäher oder dem knarrenden Aneinanderreiben zweier Baumstämme abgelenkt, sind die Ohren einfach sensibel – und bereit, alles aufzunehmen, was Angela Merkels beschauliche Heimatstadt, gut anderthalb Stunden Zugfahrt Richtung Osten von Berlin entfernt, zu bieten hat.

Ein Stück entfernt vom Hotel „Fährkrug“ finden sich am nächsten Morgen die aus einem blauen Kreuz bestehenden Markierungen des „Märkischen Landweges“ wieder. Es ist beruhigend, dass sie einen durch die Tiefen der uckermärkischen Wälder leiten, so verirrt man sich nicht. Hinter den Bäumen schimmert blassblau ein See. Zu Beginn der heutigen 23-Kilometer-Tour nach Ringenwalde, umgeben von mächtigen Eichen, Buchen und Ahornbäumen in einem warm leuchtenden Rausch von Farben des Herbstes, ist die Idylle perfekt.

Bis sie beim Forthaus Laatz jäh endet. Auf einmal tummeln sich überall Jäger – vor einem großen Feuer, auf dem Hof des Anwesens und im Wald. Weitere rücken mit geländegängigen Großwagen und dem für die Jagd nötigen Equipment an. Heute ist auf der offiziellen Route, die uns von der Touristinformation auch für diese Jahreszeit wärmstens empfohlen worden war, statt Wandern Treibjagd angesagt.

„Gehen Sie zurück zum Hotel, hier ist es zu gefährlich!“ Dass ortsfremde Wanderer nicht nur auf den öffentlichen Weg, sondern auch auf das gebuchte Nachtquartier am Ende desselben angewiesen sind, interessiert Leute im Jagdfieber offenbar wenig. Soll aus den geplanten 85 Kilometern zu Fuß auf dem „Märkischen Landweg“, einem Qualitätswanderweg, etwa ein langweiliger Hotelaufenthalt werden?

Es braucht eine Portion Überredungskunst – man kann es auch Sturheit nennen –, dann erbarmt sich ein Jäger und nimmt uns in seinem Auto mit, bis zur Außengrenze des Jagdgebietes, sagt er. Anhand der Karte orientieren wir uns neu. Der Ärger verfliegt, denn auch dieser etwas sandige Weg zwischen Kiefern ist schön, zumindest auf dem ersten Kilometer. Dann warnt erneut ein Schild mit der Aufschrift „Treibjagd“ davor, weiterzugehen. Kennen die Grünröcke etwa ihr eigenes Jagdrevier nicht? Wird geballert, wo es gerade passt?

Auf einem halbhohen Ansitz kauert ein junger Mann mit oranger Binde um den Kopf. Er sei der „Abstauber“. Falls Wild in fremdes Territorium flüchten wolle, wo die hiesigen Jäger ihm nicht mehr legal nachstellen dürften. Eine weitere Maßnahme, um auch dieser Tiere habhaft zu werden, ist, die Treibjagd, soweit möglich, geheim zu halten, erzählt uns ein anderer redseliger Jagdkollege. Karin Buse, Mitarbeiterin beim Templiner Tourismus-Marketing, kann dies nur bestätigen: „Wir haben keinen Kontakt zur hiesigen Jagdgenossenschaft, bekommen also keine Auskünfte von ihnen.“ Sie verspricht, das Problem an die Stadtverwaltung weiterzugeben, mit der Intention, dass Wanderer sich in Zukunft vorab schlau machen können.

Wir könnten ruhig weiter laufen, sollten uns aber durch Singen und Klatschen bemerkbar machen, meint der junge Mann mit Blick auf unsere orangen Rucksäcke. Nett gemeint, aber auf die Dauer anstrengend. Ein Jagdgenossenschaftler, der eine ganze Wagenladung von Grünröcken durch den Wald karrt, sieht das sowieso anders. Er verbietet grob das Weiterwandern, sein Kollege von der Kirchenforstverwaltung schlägt das Dorf Petznick als neuen Ausgangspunkt vor. Gemessen an unserer ursprünglichen Etappenrichtung, liegt es auf jeden Fall „weit ab vom Schuss“.

Eine einsame Gärtnerin auf dem stillen Gutshof von Petznick ist sich denn auch sicher, dass in dieser Gegend heute keine Treibjagd stattfindet. Würde hier geschossen, könne es sich nur um Wilderer handeln. Ein schwacher Trost, falls wir tatsächlich erschossen werden sollten. Die alte Frau schaut, auf ihre Hacke gestützt, listig zu uns hoch: „Dann weiß ich aber wenigstens, dass es illegal war.“

Was sie nicht weiß: Auf dem von ihr und einer anderen Anwohnerin beschriebenen Weg, der sich zwischen Knicks über Hügel und Äcker schlängelt, steht nach zwei Kilometern ebenfalls ein Warnschild. Wer das Gewehr hat, hat das Recht – wir drehen um.

Dank einer anderen Strecke, die über offenes Gelände führt, sowie eines hilfsbereiten Autofahrers, der uns aufgabelt, stoßen wir hinter einem Holzhandel in Milmersdorf wieder auf den „Märkischen Landweg“. Tatsächlich, auf der zweiten Hälfte der Tagesetappe gibt es weder Warnschilder noch Geknalle. Still ruht ein Weiher mitten im Wald. Nur ein Schwarzspecht hämmert mal hier, mal da, bevor sich sein glänzendes Gefieder zwischen den Kiefernstämmen verliert.

Im Landgasthof „Zum Grünen Baum“, der einzigen Pension in Ringenwalde, ist gerade „Arabische Woche“. „Was man nicht kennt, will man hier nicht haben. Wenn die Leute einander kennen, wird es einfacher“, sagt Gastwirt Markus Räthel.

Dem munteren Treiben nach geht die Rechnung auf, und es ist gut vorstellbar, dass so eine Aktion wie der heutige „Syrische Abend“ für manchen Asylbewerber in dieser wunderschönen, aber doch ziemlich einsamen Naturregion ein echtes Highlight ist.

Eine Allee, deren altes Kopfsteinpflaster halb in der Erde versunken ist, führt leicht bergan zurück in den Wald. Der Morgen ist grau, umso bunter wirken die Bäume. Ab und zu regnet ein sanfter Schauer schaukelnder Blätter herab. Auch einige Bewohner des mitten im Wald gelegenen Weilers Poratz haben für ihre Häuser den Pinsel tief in den Farbtopf getaucht. Lange ist es her, dass sich zuletzt jemand bemüht hat, der ursprünglichen Slawensiedlung lebendigen Charme zu verleihen. Zur Zeit Friedrich des Großen päppelten Kolonisten das Dorf auf. Das Basismaterial für ihren Beruf stand vor der Haustür, denn sie waren Köhler. An manchen der von ihnen erbauten, schlichten Fachwerkgebäude wurde bis heute kaum etwas verändert.

Später, hinter dem freien Feld liegt das etwas größere Peetzig, wo eine junge Mutter mit fünf kleinen Kindern Drachen steigen lässt. Rufe der Verzweiflung und des Glücks verlieren sich zwischen den rollenden Hügeln, dann gibt es Picknick.

Im Dorf Wolletz steht eine Rehaklinik am See. Zwischen mächtigen Säulen auf der Terrasse vor der Cafeteria zu sitzen, um bei Schwarzwälder Kirschtorte und Kaffee die geruhsame Strömung des Wassers zu beobachten, ist der perfekte Ausklang einer Wanderung.

Aber halt, da war noch etwas! Wird es mit dem vor einer Woche hierher bestellten Rufbus nach Angermünde klappen? Nach dem in diesem weitläufigen Landstrich teilweise recht barschen Umgang mit Wanderern melden sich Zweifel an. Die Busfahrerin stoppt jedoch super pünktlich an der bereits im Dunkel liegenden Haltestelle und weiß außerdem Tipps fürs Einkaufen und eine Pizzeria am Abend.

Am nächsten Morgen, nach dem Verlassen von Angermünde, knallt es noch einige Male in einem Waldstück rechter Hand – aber der Weg zum Nationalpark „Unteres Odertal“, an der deutsch-polnischen Grenze, bleibt unbehelligt. Warum auf unserem Qualitätswanderweg Stolpe als nächstes Etappenziel vorgesehen ist, ist allerdings ein Rätsel. Am Angebot an Unterkünften liegt es sicher nicht, wohl eher an dem über 800 Jahre alten „Grützpott“, einem Burgturm. Die beeindruckende Aussicht zeigt, dass wir aus eigener Kraft von einer hügeligen Moränenlandschaft in ein verschwenderisch weites Flusstal gelangt sind. Das stimmt zufrieden, trotzdem liegen fußmüden Wanderern am Ende des Tages ihr leibliches Wohl sowie ein Bett noch mehr am Herzen.

Vor allem mit Ersterem wird es in dem ursprünglichen Slawendorf ohne Gasthaus oder Lebensmittelladen schwierig. Nachdem in dem beschaulichen Grenzort die letzte Pension dicht gemacht hat, ist Gabi Pust zur „Retterin der Unmotorisierten“ geworden. Sie vermietet nicht nur die Ferien-Appartments ihres wunderschön renovierten Schweizerhauses, sondern füllt Radlern und Wanderern auf Wunsch den Kühlschrank, sodass wir gut gestärkt zur letzten Tour, durch den Nationalpark nach Schwedt, starten. Auf den Wiesen spazieren Grau- und Silberreiher, Biber haben Baumstämme so zernagt, dass sie nur noch an wenigen Fasern zusammenhängen. Es riecht leicht brackig in dieser sich selbst genügenden Welt. Statt Büchsenknallen tuckern auf der Hohensaaten-Friedrichsthaler-Wasserstraße, einem Nebenarm der Oder, ab und zu Frachtboote vorbei.