Das Reisen führt uns zu uns zurück.  Albert Camus

 

Erschienen in:  Ratgeber-Natur/Juni 2014

 

Piemont: Wandern im Mairatal

Eine Hundeschnauze, die sich zwischen den Brettern eines Holztores hindurch zwängt, ist das einzige Lebenszeichen im Bergdorf Caudano. Ihr Besitzer verbellt wie rasend alle Geister in dem stillen Weiler. Auch Wanderer scheinen ihm unheimlich zu sein. Kein Wunder, schließlich kommen Fremde in dieser Ecke des oberitalienischen Piemont selten vor. Interessiert begutachtet uns ein Dorf weiter in Centenero eine alte Frau von ihrem Balkon aus. „Drei Familien leben noch hier, aber im Winter sind alle weg“, berichtet sie.

Kissen mit blühendem Lavendel, Nelken und Walnussbäume wachsen am Wegesrand. Wir laufen durch kleine Bergurwälder mit riesigen Farnen und wuchernden Laubbäumen. Bäche fließen uns entgegen. Erst ab etwa 1200 Höhenmetern wird die Landschaft karg. Wie es Caudano und Centenero in nicht allzu ferner Zukunft ergehen könnte, erleben wir in Langra (972 m). 50 Menschen sollen hier gelebt und gearbeitet haben – jetzt ist der eigentliche Ort längst vom Wald „verschluckt“ worden. Wurmstichige Balkondielen blecken uns wie ein marodes Gebiss an. Durch die Ruinen der aus aufeinander gelegten, flachen Steinen erbauten Häuser huschen nur noch Eidechsen und Mäuse über die von der Julisonne gewärmten Mauerreste. An dem Weiler vorbei führte einst der Hauptweg aus den Bergen hinunter ins Dorf Macra. Er ist längst zu einem Graspfad zugewuchert.

Erst unten auf der Straße, die sich von Dronero (620 m) bis hinauf nach Saretto (1525 m) durch das tief eingeschnittene Mairatal schlängelt, sind wir in der Zivilisation angekommen. Dieses Alpental im Piemont, nahe der Grenze zu Frankreich, ist ein „buco nero“ - ein schwarzes Loch: Es gehört zu den am dünnsten besiedelten Regionen Europas und wird bloß von durchschnittlich zwei Einwohnern pro Quadratkilometer besiedelt.

In Macra hängen noch grüne Beutel an wuchernden Stauden in einem über der rauschenden Maira ansteigenden Terrassengarten. Mit ihren tiefen Falten sprengen die noch unreifen Tomatenkolosse jede EG-Norm. Am Flussufer tummeln sich zuhauf Alpengelblinge; die Schmetterlinge suchen auf bestimmten Sandflecken nach Mineralien. An einer Mauer rostet ein Fahrrad nachbarschaftlich mit einer Sackkarre vor sich hin, daneben stemmt sich ein mickriges Kirschbäumchen der Sonne hinter der Mauerbrüstung entgegen. Hühner picken zwischen den Grasbüscheln auf dem Weg. Missmutig weichen sie den Fußgängern aus, als hätten diese hier eigentlich nichts verloren. Auf einem Holzbalkon ohne Geländer trocknet Reisig für den Winter. Töpfe mit Geranien sowie die Satellitenschüssel eine Etage höher wirken wie ein voreiliger Griff ins Arsenal der Moderne.

Lange konnte man im Mairatal zuschauen, wie sich die Wildnis der Cottischen Alpen allmählich ein von Menschen bewirtschaftetes Tal zurückholt. Dass dieser Rückgang gestoppt wird, dafür sorgt unter anderem Bruna Sardi, die Vorsitzende der „Donne nel Turismo d´Oc“, einem Verband von fast ausschließlich Frauen. Sie haben sich zusammengeschlossen, um durch nachhaltigen Tourismus ihre Heimat wieder lebendig zu machen.

Im Winter lebt Bruna Sardi, die lange als Radiologin tätig war, mit ihrer Familie in Turin. Während der Sommermonate jedoch beherbergt sie in ihrem Geburtshaus in Macra Urlauber und organisiert für sie mehrtägige Wandertouren auf den Percorsi Occitani, den alten Wegen und Pfaden rund um das Mairatal.

Nach einem Umbau eröffnete sie 2004 das Haus der Familie neu - als „Posto Tappa“. So heißen hier allgemein Unterkünfte für Wanderer, egal ob sie Hotels, Pensionen oder einfache Matratzenlager in einer Berghütte sind. Etliche Familien sind ihrem Beispiel gefolgt. Mittlerweile zieht sich ein Netz von individuell geführten Übernachtungsbetrieben über die zu beiden Seiten des Tals aufragenden Berge – bis in versteckte Seitentäler und hinauf auf 2300 und mehr Höhenmeter zur Gardetta, einer spektakulären Hochebene. Das Besondere in allen Häusern: Gäste werden abends mit piemontesischen Menüs verwöhnt – so geht Ökotourismus auf Italienisch. 

Bruna verschwindet in der Küche. Die Flasche Barolo zum Essen bestellen wir bei ihrem Sohn Alessandro. Er verdient sich bei seiner Mutter nicht nur in den Ferien etwas dazu, sondern bildet auch ihr ruhiges Pendant. Am nächsten Morgen setzt uns Brunas Vater Giacomo nach kurzer Autofahrt in Stroppo zu einer ersten Wanderung ab: „Ich bin im Familienunternehmen für den Transport von Gepäck und Leuten zuständig. Das reicht mir auch, nach 35 Jahren bei Fiat in Turin“, findet er. Er freut sich über die Zentralheizung in seiner Stadtwohnung.

Die Abwanderung dorthin, wo es Arbeit gibt, hat in der Region eine lange Tradition. Im 19. Jahrhundert war das Tal so bevölkert, dass es üblich wurde, sich während des Winters in Südfrankreich zu verdingen. Der Lohn war gut, obendrein sparte man zuhause einen Esser. Kinder dressierten in den heimischen Bergen gefangene Murmeltiere, um sie im Nachbarland für Geld tanzen zu lassen. Von Acceglio bis zu den Pyrenäen sprachen damals die Menschen das heute selten gewordene galloromanische Okzitanisch – so fühlten sich die Leute aus dem Mairatal auch in ihrem Winterexil heimisch. Nach den beiden Weltkriegen leerte sich das Tal jedoch zusehends ganzjährig. Das sichere Auskommen in der Industrie der oberitalienischen Städte lockte.

Serpentine um Serpentine schwitzen wir uns zwischen Glockenblumen oder Heilpflanzen wie Teufelskralle und Johanniskraut einen Abhang hoch. Einzig ein von Nusshecken gesäumter Hohlweg spendet Schatten. Stunden später ist der Blick auf den höchsten Berg der Gegend, den 3024 Meter hohen Chersogno, frei. Beim Durchqueren eines sanft grünen Lärchenwaldes, wo weiße Kühe geruhsam ihre Glocken läuten lassen, schlägt das Wetter abrupt um. Es regnet wie aus Kübeln. Donner und Hagel geben das Ihre dazu, damit wir im Eiltempo Elva erreichen. Aber als ob der Wettergott nur im Scherz ein falsches Register gezogen hätte, trocknen T-Shirts und Regenjacken schon wieder in der Sonne auf dem Zaun neben Elvas graziöser Kirche. Das Gotteshaus wurde für seine von dem flämischen Künstler Hans Clemer vor 600 Jahren gemalten Fresken weithin berühmt.

Arm blieb das Dorf trotzdem - selbst als später Einheimische in das Geschäft mit Perücken einstiegen: Sogenannte „Haareinkäufer“ schwatzten den Frauen und Mädchen gegen Bares ihre langen schweren Zöpfe ab. Perückenmacher zahlten gut für diesen „Rohstoff“, denn sogar im britischen Parlament trugen die Herren im House of Lords weiße Perücken mit Haar aus dem Piemont. Aber wer in Elva daran verdiente, zog weg. Das örtliche Haarmuseum erzählt von etlichen kleinen Werkstätten, in denen Bäuerinnen noch bis Mitte letzten Jahrhunderts Haare zupften und für den internationalen Export sortierten.

Wie die drei Generationen der Familie Rosso, die den Ferienbauernhof L´Artesin betreiben, es abends schaffen, mehrere Wandergruppen mit einem Sieben-Gänge-Abendessen zu verwöhnen, mag ihr Geheimnis bleiben. Verraten werden die Zutaten einer „Bagna Cauda“: Dieser pikante Fisch-Knoblauch-Dip wird uns zur Polenta serviert.

Am nächsten Tag schauen wir vom Pass San Michele (1932 m) noch einmal auf Elva hinunter. Wind bewegt sanft und stetig das hüfthohe Gras. Abends beschäftigen uns Thunfisch-Terrine mit geröstetem Brot, Schweinerollbraten mit Nüssen und andere Köstlichkeiten im gemütlich eingerichteten ersten Stock des „Posto Tappa“ von Enrica und Roberta Cesano in San Michele. Ein junger Mann trägt die jeweiligen Teller aus der Küche herauf sowie später wieder hinunter und legt außerdem noch den Gästen vor. Gehört das zum Service der hiesigen Gastronomie? Denn eigentlich könnten sich alle selbst von den Platten bedienen und den fleißigen Helfer damit etwas entlasten. Bestimmt ist der Abend für ihn mindestens so anstrengend wie für seine Gäste das Wandern - aber er lässt sich nicht aus dem Konzept bringen. 

Auch bei den Schwestern Cesano ist der Vater für den Transport zuständig. „Wir leben das ganze Jahr über in San Michele – mit 30 Kühen und vier Eseln“, erzählt er, während er die Serpentinen ins Tal hinunter steuert. „Im Winter kommen Skifahrer ins Posto Tappa.“

Überall werden wir freundlich willkommen geheißen, unser Gepäck ist bereits da, und wir sind für das Abendessen eingeplant. So auch in Viviere. Zwei Murmeltiere kreuzen unseren Pfad, bevor wir das 1700 Meter hoch gelegene, ehemalige Partisanennest erreichen. Vom im Juni 2011 eröffneten „Rifugio di Viviere“ aus können Bergsteiger über einen Pass von 2437 Metern Höhe das Hochplateau der Gardetta erreichen. Unsere beiden Mädchen schauen sich die zackigen Felsen ringsum lieber in einer Hängematte schaukelnd an. Eine Brise fächelt angenehm kühl zwischen Bäumen. Fabrizio Ferri, der Wirt, bringt eifrig Crèpes und Kaffee nach draußen. Seiner fröhlichen Miene nach zu urteilen, macht es dem jungen Anwalt aus Cuneo einfach mehr Spaß, seine Gäste zu versorgen als im Büro zu sitzen. Spätestens jetzt wird klar, warum Bruna uns unbedingt hierher schicken wollte. Viviere ist einfach ein Paradies für erschöpfte Wanderer.

In den Zimmern der trutzigen Berghütte wohnt es sich wie in einem hölzernen Schmuckkästchen. Bis hin zu den Handtuchhaken neben dem steinernen Waschtrog sind sie liebevoll eingerichtet. Auf den mit urigen Balken umrahmten Betten liegt für jeden ein Stückchen Seife aus Eselsmilch. Davor warten Pantoffeln auf unsere wandermüden Füße.