Das Reisen führt uns zu uns zurück.  Albert Camus

 

Reiseprojekt 2017

 

Nordwärts, endlich!

Das Nordkap hat mich schon lange fasziniert – weniger das windige Plateau als solches, sondern der Weg mit dem Fahrrad dorthin. Hinauf durchs Baltikum und Finnland bis zu diesem nördlichsten, auf Straßen erreichbaren Felsen Europas. Aufs Eismeer gucken, nur noch Spitzbergen zwischen mir und dem Nordpol. Soweit der Traum.

Diesmal will ich von der Haustür aus losradeln, mit gerade so viel Gepäck, dass es nicht richtig ungemütlich wird. Nach meiner Lieblingsvorstellung käme ich dort auch genauso wieder an – via Schweden und Dänemark zurück nach Holstein.

Ein leichtes Zelt wartet zusammengerollt in der Schublade. Der Job ist gekündigt, die inzwischen vollständig erwachsene Familie hat sich einigermaßen an mein neues Reiseprojekt gewöhnt. Nach Ostern brezelt ein Mechaniker das Fahrrad auf. Die bunten Packtaschen sind gut, wie sie sind.

Und ich, bin ich auch gut, wie ich bin? Mit über fünfzig nicht zu bequem und vernünftig? Ich weiß inzwischen ein weiches Bett zu schätzen.

Aber der hohe Norden lockt, die undosierte Freiheit winkt unwiderstehlich. Zwar weiß ich natürlich nicht, was aus meinen Radnomadenträumen wird … vielleicht jedoch ist das gar nicht die Hauptsache. Sondern aufzubrechen und unterwegs zu sein.

Schönberg, April 2017

 

Finnland

 

Wieder zuhause

Die Hauptsache zuerst: Ich war da, am Nordkap, habe mit meinem Fahrrad neben der metallenen Weltkugel gestanden und ins unendliche Blau von Meer und Himmel geblickt. Aber ist das tatsächlich die Hauptsache?

Es geschafft zu haben, Tausende von Kilometern mit Fahrrad und Zelt zu reisen, machte mich natürlich stolz. Und hinterließ gleichzeitig ein Gefühl von Leere, neben dem Hype junger Japanerinnen, die sich zusammen mit einer Gruppe junger, sportlich-schnittiger Radler auf dem Globus-Sockel fotografieren ließen.

Erleichterung darüber, ab jetzt „nur noch“ nach Süden Richtung Heimat zu radeln und ein verschwommenes Gefühl von Verlust hielten sich die Waage. Das Ziel war erreicht und hatte sich damit im blauen Dunst der Ferne aufgelöst. Es tat gut, andere Nordkap-Radler zu treffen, die sich ähnlich verloren fühlten.

Von Tag zu Tag reisen - mit dieser Maxime war ich überhaupt so weit gekommen. Jeden Morgen hatte ich mich gefragt, hast du Lust weiterzufahren? Und wirklich, mir stand trotz allem wieder der Sinn nach einem Tag draußen, der sich frei und immer anders als der vergangene vor mir erstreckte. Das hatte mit dem „Top of Europe“ kaum etwas zu tun, sondern mit den blauen Seen ringsum mich, den endlosen Wäldern, skandinavisch unkomplizierten Menschen, dem sahnig-fruchtigen Trinkjoghurt in Finnland, den ich mir zum zweiten Frühstück versprochen hatte … oder auch ganz viel mit der Elchin an einer einsamen estnischen Landstraße.

Die Tage verloren ihren Rhythmus. Es gab kein Zu-spät mehr, höchstens war es zu früh zum Aufstehen, weil man in der Helle im Zelt nicht hatte einschlafen können. Auf die Jahreszeiten war ebenfalls kein Verlass: In der Hitze schwimmen zu gehen, war so herrlich wie eiskalt, weil eben nicht konstant sommerliche Temperaturen herrschten. Um das Gewicht des Gepäcks zu reduzieren, überlegte ich öfters, eine meiner Fleecejacken zu entsorgen. Bei vier Grad in einer lappländischen Freiluftküche im Wald war ich jedoch heilfroh, dass ich sie hatte. 

Ständig dachte ich an Essen. Sehenswürdigkeiten, von denen die Natur mit Abstand die beeindruckendste war und sie hatte ich ja sowieso immer um mich, ließ ich links liegen. Supermärkte nie. Als irgendwo im Nirgendwo meine vor Kälte steifen Finger nicht imstande waren, die Verpackung einer Tafel Schokolade aufzureißen, geriet ich fast in Panik. Dass ich zwanzig schwedische Fleischklößchen in meiner winzigen Pfanne (die zugleich Teller und Deckel war) braten konnte, machte mich glücklicher als das Nordkap.

Es stimmt wohl doch, dass so eine Tour einen anderen Menschen aus einem macht. Denn unterwegs sind Dinge wichtig, die ansonsten kaum eine Rolle spielen: Zum Beispiel, in welche Richtung der Wind die Wolken treibt und in welcher Sprache eine Bäuerin den besten Weg erklärt. Wenn fremde Menschen freundlich und hilfsbereit sind, und das Fahrrad eine Schotterpiste gut überstanden hat. Oder der abendliche Standort, damit die Sonne, falls sie denn scheint, morgens das Zelt trocknen kann.

Es heißt – zu Recht, finde ich - ein Mensch ist auf der Suche nach sich selbst. Insofern muss ich jetzt zuhause erst mal gucken, wohin mich die Reise gebracht hat.

Schönberg, September 2017

 

Masuren

 

Lofoten