Das Reisen führt uns zu uns zurück.  Albert Camus

Mein Psychokrimi „Das Vanillezimmer“ ist in Arbeit.

 

1989 wurde die junge Ulla Leinlos von der DDR-Staatssicherheit verhaftet, 25 Jahre später ist sie vor ihren pubertierenden Kindern in den Wald geflüchtet. Dort findet die Mutter innere Ruhe und fühlt sich geborgen. Längst jedoch hat die Stasi sie wieder aufgespürt.

 

Leseprobe aus dem Manuskript:

Von da an nannte ich ihn insgeheim Dahm, ohne Herr. Eine lächerlich mickrige Portion ganz privaten Protestes, aber immerhin. Er verkörperte für mich den Gesprächspartner schlechthin – ich hatte ja keinen anderen! Die Aufseher zählten nicht, ihre Kommunikation ging über Befehle und Verbote – oder, wenn sie sich provoziert fühlten – Anschnauzer kaum hinaus.

Mein Verhörer schob seine Papiere zusammen. Ich war in meiner dunklen Ecke ein wenig in mich zusammen gesunken und fuhr bei dem Rascheln hoch. Hände unters Gesäß, gerade sitzen.

„Guten Morgen, Sieben. Wie geht es Ihnen?“ Auch ich hatte offiziell keinen Namen innerhalb dieser Mauern. Dahm drehte die Lampe so, dass sie auf der Wand rechts von ihm einen weiten Lichtkreis warf. Davon erfasst, begann ich erneut zu schwitzen.

„Danke. Es geht mir den Umständen entsprechend gut.“

Er nickte. Das war nur Vorgeplänkel.

„Gibt es irgendetwas, das Sie vorbringen möchten?“

Hektisch holte ich Luft, um mit dem Ausatmen mein Anliegen herauszupressen. „Ja. Ich bitte um eine Erweiterung meiner Leseerlaubnis.“

Dahm blätterte erneut in der Akte, dann schaute er mich überrascht an.

„Sie haben doch erst vor drei Tagen ein Buch erhalten. Was sind Sie denn für eine Leseratte?“

Ich wurde rot. Was mir bestimmt anzusehen war.

„Ich habe Reiseliteratur bekommen.“

„Welche?“ Sogar das interessierte ihn. Es war fast fürsorglich. Den Bruchteil einer Sekunde glaubte ich, er sei auf meiner Seite.

„Seumes ´Spaziergang nach Syrakus im Jahr 1802`.“

„Das ist ein schönes Buch. Und Sie lesen gerne. Dann lesen Sie es doch.“

„Es passt nicht für mich“, sagte ich und hörte selbst, wie lahm das klang.

„Warum nicht?“

Ich kam mir vor wie eine Schülerin, die von ihrem Lehrer an den rechten Ort geführt wird.

„Seume kann sich frei bewegen, ich hingegen nicht.“ Ich versuchte, seinen Blick aufzufangen, was schwierig war, weil sein Gesicht in dem spärlichen Licht, das durch die Vorhänge drang, kaum deutlich zu erkennen war. „Beim Lesen möchte man sich aber doch entspannen.“

Er überhörte meinen Trotz und erwiderte fast gütig. „Sie wollten sicherlich nicht monatelang zu Fuß nach Italien wandern. Das nehme ich Ihnen nicht ab. - Außerdem: Würden wir Ihnen die drei Bände von Karl Mays Winnetou geben, wären Sie auch nicht zufrieden, weil Sie nicht mit den Indianern gegen die Weißen kämpfen könnten, oder?“

Ich gab es auf. Er führte mich wie ein Kind an der Nase herum. Dass es für eine gescheiterte Republikflüchtige eine Qual war, von Seumes Wanderung nach Italien zu lesen, wollte er gar nicht verstehen. Nicht einmal in die vergleichsweise nah gelegene Bundesrepublik hatte ich „spazieren“ können. Weder von Leipzig aus, wie Seume vor über zweihundert Jahren, noch von meinem mecklenburgischen Inselheimatstädtchen Malchow.

„Naja“, meinte Dahm gelangweilt, „von Ihrem Wohnort aus wäre der Weg ein paar Kilometer länger als für Seume.“ Offenbar guckte er sich an, was genau man mir als Lektüre gestattete. Womöglich hatte der Schmalspur-Sadist sogar selber dieses Buch ausgewählt.

Mit einem Mal klang sein Ton wacher, heller. „Wenn ich mir die bisherigen Ermittlungen so ansehe, schwebte Ihnen allerdings ein ganz anderes Ziel vor.“

Er machte eine Pause und schluckte, als müsse er sich darauf vorbereiten, etwas ganz Ungeheuerliches zu sagen.

„Sie wollten ohne Genehmigung in den kapitalistischen Westen ausreisen. Nach § 213 Absatz 1 StGB-DDR vom 12. Januar 1968 gilt der sogenannte Ungesetzliche Grenzübertritt als Straftatbestand. Ist Ihnen das bekannt?“

Ich nickte. Er hatte mich das bereits Dutzende Male gefragt.

„Wie bitte?“

„Ja. Es ist mir bekannt.“