Das Reisen führt uns zu uns zurück.  Albert Camus

Mein Psychokrimi „Das Vanillezimmer“ ist in Arbeit.

 

1989 wurde die junge Ulla Leinlos von der DDR-Staatssicherheit verhaftet, 25 Jahre später ist sie vor ihren pubertierenden Kindern in den Wald geflüchtet. Dort findet die Mutter innere Ruhe und fühlt sich geborgen. Längst jedoch hat die Stasi sie wieder aufgespürt - und diesmal Ullas Tochter Luca als Spielball auserkoren.

 

Leseprobe aus dem Manuskript:

7.

„Da war eben mein Bruder.“

Sein Kopf fuhr zu ihr herum. „Kommt er rein?“

„Nein, nein. Er ist schon weg. Bestimmt geht er mit seinen Freunden zum Strand. Da haben sie eine Ecke, wo sie immer chillen und bei der Kälte manchmal Feuer machen. Bisher sind sie zum Glück nicht erwischt worden.“

„Das gäbe zuhause garantiert ordentlich Ärger.“ Er lachte wieder. „Ganz sicher bist du eine brave Tochter und machst keinen solchen Quatsch.“

Luca hob abwehrend die Hände. „Meine Mutter glaubt, ich bin ein Monster.“ Sie trank ihre Tasse leer und visierte ihn währenddessen über den Rand hinweg an. Er sollte sie nur nicht für ein liebes Mädchen, das in einem rosa Himmelbett schlief, halten. Die kleine Tochter, für die Mami und Papi alle Probleme lösten. „Andersherum kann einem meine Mutter ebenso den letzten Nerv töten.“

„So, so.“ Er strich seine Haarpracht nach hinten und begann, die leeren Tassen und Teller auf das Tablett, das sie bekommen hatten, zurückzustellen. „Ich muss langsam los, aber natürlich bringe ich dich vorher nach Hause. Mein Auto steht gleich hier am Hafen.“ Er stand auf, nahm das Tablett.

„Und ich wohne gleich hier um die Ecke“, ahmte sie ihn nach, „das ist nur ein Katzensprung. Kann ich locker zu Fuß gehen.“ Sie lächelte ihm zu.

In seinem Gesicht zeichnete sich Anspannung ab, er klang jedoch ganz ruhig. „Ich fände es schön, wenn wir noch ein Stückchen zusammen gehen, Luca.“ Er nahm ihre Jacke und hielt sie ihr hin.

„Okay, dann machen wir das“, sagte sie überrascht.


Vom Meer her zog es wie Hechtsuppe durch die Fußgängerzone. Sergio schlug den kleinen Kragen seiner Lederjacke hoch, das schien ihm zu genügen, Luca hingegen war froh, ihren Schal um den Hals wickeln zu können, auch wenn er dünn war. Die Schäkel der Boote, die noch nicht ins Winterquartier gebracht worden waren, klimperten im Wind, Wimpel flatterten bunt gegen den grauen Himmel. Es war wirklich kein Wetter, um jemanden zu einem längeren Spaziergang zu überreden.

Als sie am Auto standen, sagte er: „Das fängt gleich an zu regnen. Komm, steig ein, ich bringe dich nach Hause.“

Ihre Umhängetasche mit den Schulsachen nahm sie auf den Schoß, denn es war ja nicht weit, außerdem lagen auf der Fußmatte Kekskrümel, alte Tankrechnungen, Feuerzeuge und anderer Abfall. Die abgewetzten Sitze glänzten speckig. Das ganze Auto müffelte nach Zigarettenqualm. Während sie zusammen gewesen waren, hatte er nicht einmal geraucht. Röhrend schoss der Wagen den Berg hinauf.

„Wenn man nicht ordentlich Gas gibt, schafft er die Steigung nicht.“ Er starrte durch die schmutzige Windschutzscheibe. „Sag mal ...“

Luca unterbrach ihn. „Vor der Kirche geht’s links ab!“ Eigentlich hätten sie sogar schon früher abbiegen können, sie hatte nicht aufgepasst.

„Ja, das wollte ich dich gerade fragen. Kommst du noch eben mit? Ich muss etwas im Einkaufszentrum besorgen.“

„Wo denn?“

„Bei Lidl.“ Seine Stimme klang gepresst, er schaute verbissen nach vorne.

Als sie einstieg, hatte sie sich trotz des Mülls wohl gefühlt. Es war besser, im Auto zu sitzen, als in dieser feuchten Kälte nach Hause zu laufen. Inzwischen war sie irritiert.

„Es gibt da keinen Lidl.“

Er fuhr am Einkaufszentrum vorbei. Bog an der Ampel Richtung Bundesstraße ab.

„Aber in Schönberg.“

Luca war die Sache nicht geheuer. Was sollte das werden?

„Halt an, ich will aussteigen.“

„Ach, komm doch mit! Oder hast du Angst, zuhause Ärger zu kriegen?“

„Blödsinn. Ich will einfach aussteigen. So war das nicht abgemacht.“ Der Wagen war viel zu schnell, es wäre riskant, die Autotür zu öffnen.

„Stell dich nicht so an, Luca.“ Sein Tonfall war rau und gar nicht mehr nett.


„Wir fahren eben kurz nach Schönberg, dann bringe ich dich zurück“, versuchte Sergio es noch einmal. Wie um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, steigerte er weiter das Tempo, bis ihn der Kreisel ausbremste. Es ging alles darum, schnell zu sein. Das durchzuziehen.

„Nein! Halt an! Sofort!“ Luca kreischte.

Verdammt, er hatte gehofft, sie länger hinhalten zu können. Endlich erreichten sie die Schnellstraße. Er beschleunigte. - Mit dem Schlag hatte er nicht gerechnet, ihre Schultasche traf sowohl sein Jochbein als auch die Nase. Reflexartig schloss er die Augen, Sekret schoss aus seinen Tränendrüsen, er nahm instinktiv gleichzeitig den Fuß vom Gas. Der Wagen schlingerte gefährlich, sie landeten um ein Haar im Graben. Hinter ihm hupte jemand Nerven zerreißend schrill und anhaltend. Jählings riss er ihr mit der freien Hand die Tasche weg und warf sie auf den Rücksitz.

Luca war wie gelähmt, als sie erkannte, was beinahe passiert wäre. Ihr Fahrer griff blitzschnell an ihr vorbei, öffnete das Handschuhfach und holte etwas heraus. Luca wagte nicht hinzuschauen. Ihren Schock nutzend, zog er, die Sache dauerte nur wenige Sekunden, eine Stahlkette durch den Innengriff der Beifahrertür und klickte die Handschellen daran um ihre Gelenke.

Sie wehrte sich nicht, es war sinnlos. Als sie merkte, dass der Entführer es nicht darauf anlegte, ihr weh zu tun, kam die Wut. Die Empörung zerfraß sie fast, kaum kamen die Worte heraus. „Du gottverdammtes Arschloch.“

Zu fluchen, half. Löste die Erstarrung. Sie dachte jetzt glasklar. Deshalb schrie sie ein weiteres Mal, so laut es ging: „Du Arschloch, was willst du von mir?“

So hatte sie es im Präventionskurs in der Schule gelernt. Zaghafte Mädchen wurden öfter vergewaltigt, hatte der Kursleiter behauptet. Also ließ sie ihrem Zorn freien Lauf, hob das linke Bein aus dem Fußraum. Es war schwierig, aus dieser Position. Einen Tritt konnte sie landen, da bog er ab, stoppte auf einem Fahrradweg.

Plötzlich hielt er eine Rolle Klebeband in der Hand, packte ihren Unterschenkel und schob ihn zurück. Während er sich vorbeugte, um ihre Füße zu fesseln, streckte sie die Finger nach der Verriegelung aus. Die Handschellen behinderten sie, außerdem hing sie nach dem Tritt quer auf dem Sitz. Endlich sprang die Tür auf, sogar ziemlich weit. War denn kein Radfahrer hier unterwegs? Er würde sehen, was geschah. Er konnte sie retten.

Sergios Mähne streifte ihre Nase und Stirn wie ein schwarzer Vorhang, sie presste die Lider aufeinander, schüttelte wild den Kopf, konnte aber dem schweißig-scharfen Geruch nicht entfliehen. Er schloss die Tür, verriegelte sie. Für einen Moment schnappte sie nach Luft, eine Locke verfing sich in ihrem Mund. Sie holte alle Spucke, der sie habhaft wurde, zusammen und spie sie in das Haargespinst. Ebenso auf seine Wange. Mit feindselig zusammengekniffenen Augen warf er ihr einen kurzen, berechnenden Blick zu, bevor er ihre Spucke mit dem Ärmel seiner Lederjacke abwischte, das Klebeband hinter die Handbremse legte und dann den Motor wieder anließ.